minimalismus - minimalistische alternativ-resonanzminimalismus bei verderben.org

minimalismus - die kunst des dezimierens

der zustand des geringen besitzes, der wunsch nach einem aufgeräumten bettkasten, die unerbitterliche selbstoptimierung durch das loslassen von materiellen gütern - mittlerweile bekannt als minimalismus - hat sich über die jahre hinweg als soziales phänomen etabliert. auf youtube gibt es mittlerweile minimalismus-challenges von menschen die ein halbes jahr zuvor noch 20-minütige videos über ihren letzten rossmann-haul gepostet haben.
weniger populäre videos und überdies auch blog-posts widmen sich dem fazit des ganzen - der freiheit, der gewonnenen zeit, dem gesparten geld, dem vorteil relativ sorgenbefreit, leicht und spontan relokations-entscheidungen zu treffen, die ohne verantwortungslastigen ballast nicht so ohne weiteres machbar wären.
für viele ist der minimalismus auch der einstieg in die digitale nomadie, eine sache von der ich allerdings momentan noch weit entfernt bin.

soweit, so ungut. minimalismus ist in seiner ursache und wirkung reich facettiert. es geht vom trend-aktionismus für menschen die in einem halben jahr alles wieder nachkaufen, was sie für ein youtube-video weggeworfen haben, bis zu denjenigen die im schaffen von freiräumen eine ernsthafte erfüllung gefunden haben.
die folge des minimalismus ist die party des lebens: qualitative zeit mit freunden zu verbringen, anstatt sich alleine oder im kreise anonymer forenbenutzer an fotos von seinen statussymbolen zu erfreuen. das trendbewusstsein hat uns auf jeden fall soweit gebracht: wenig zu besitzen und damit bewusst zu rande kommen erzeugt enormen respekt und wirkt inspirierend auf einen grossen teil der bevölkerung. meine reduktions-aktionen, die ich on- und offline doku- und kommentiere, rufen eine hervorragende resonanz hervor; teilweise aber auch unglaube. da ich mittlerweile (2015) im 5. jahr des minimieren meines besitzes bin und mein konsumverhalten etwas mehr als kritisch hinterfrage, habe ich es geschafft, viele leute von meiner lebensweise zu überzeugen und den ein oder anderen auch bis zu einem gewissen punkt durch die vorteile des minimalismus zu überzeugen.

2006 - die anfänge

2006 fing ich zum ersten mal an, mich von einer vielzahl von ungebrauchten dingen zu trennen. ich habe seit den 90ern spiele-konsolen (nes, n64, atari vcs, gameboys) und alte rechner (c64, amiga) angehäuft, die ich u.a. für meine musikproduktionen benutzt habe. den grossteil habe ich, bis auf meine beiden c64, in einem schwung auf ebay verkauft. das ergebnis war mit einem mal sehr viel platz in meinen regalen und eine angemessene summe an geld, die ich dadurch temporär zur verfügung hatte. all das wurde allerdings in der folgezeit auch wieder in neuanschaffungen investiert.

2010 - der grosse dezimierungs-wahn

2010 kam die entscheidende wende. in meinem homestudio in der wohnung, in der ich damals noch zu zweit wohnte, sammelte sich weiterhin kram an, der einerseits durch impulskäufe angeschafft wurde, andererseits aber auch von memorabilia-natur war. in einem zugegebenermassen kontrollbefreiten moment habe ich den inhalt der untersten regale auf dem fussboden verteilt, und ungeachtet des emotionalen oder monetariellen wertes alles innerhalb von wenigen minuten in zwei mülltüten verstaut und entsorgt. die klassische zwischenlösung, dinge erst einmal in kartons zu verstauen, gab es hier nicht. das gefühl darauf war allerdings unerwartet positiv. anstatt mich dafür zu hassen, dinge aus meiner kindheit und frühen jugend einfach so wegzuwerfen, war ich froh diese dinge nicht mehr um mich herum zu haben.
die nächsten entrümpelungs-aktionen verliefen allerdings bedachter. ebay war wieder mein bester freund, was das loswerden von vintage hardware, games, klamotten, parfums und musikinstrumenten anging. andere dinge habe ich auf facebook gepostet und bin somit auch einen grossteil meiner sportgeräte losgeworden.
irgendwann in der phase fing ich an, das ganze zu professionalisieren. mithilfe einer excel-liste habe ich mein inventar aufgelistet und den jeweils dafür erhaltenen ertrag für die verkauften gegenstände. zwischen september und dezember 2010 habe ich mich genau 327 dingen entledigt.

2012 - umzug und 30 tage minimalismus-challenge

mitte 2012 stand mein erster umzug nach 12 jahren an. mal von dem ganzen vorbereitungsstress abgesehen, war das das beste, was mir in punkto besitz-minimierung passieren konnte.
in ungefähr demselben zeitraum habe ich angefangen, mich mit leo babauta, kelly sutton, joshua millburn und ryan nicodemus, ev bogue und letztendlich dem mittlerweile allgegenwärtigen unclutterer-diskurs, der an vielen stellen gehalten wird, zu befassen.
das verkaufen meiner restlichen ungebrauchten habseligkeiten war für mich zu dem zeitpunkt keine option, da zwischen spontaner entscheidung und ausführung des umzuges ungefähr ein monat zeit lag. das planen und vorbereiten von verkäufen war in der zeit nicht mehr drin, also ist alles, was ich irgendwie als wertvoll ansah, in 15 umzugskartons gewandert, davon drei mit dingen die für spätere verkäufe vorgesehen waren. die unbrauchbaren reste und spuren des vorherigen lebenswandels wurden in etwas mehr als 20 mülltüten verbannt und entsorgt. der umzug ging dann inklusive möbeln und umzugskartons relativ schnell von statten und war innerhalb von 6h erledigt.

im dezember 2012 startete ich dann ein minimalismus-projekt, um mich a) weiter voranzutreiben und b) herauszufinden, ob ich vom verkauf meiner unbenötigten dinge leben kann. das ganze habe ich unter der mittlerweile nicht mehr existierenden adresse expect-nothing.verderben.org dokumentiert.
das projekt verlief sehr gut. eigentlich wurde es als 31 tage minimalismus-challenge betitelt, war im endeffekt aber eine 60 tage minimalismus-challenge, da ich den gesamten dezember als vorlaufmonat gebraucht habe, um dinge zu verkaufen, von denen ich dann im januar 2013 lebte, und am ende noch etwas geld übrig hatte. mission accomplished!
die seite, auf der ich über den verlauf des projektes geschrieben habe, werde ich beizeiten aus dem archiv hervorholen und hier wieder online stellen.

2014 - weitere besitz-minimierung

ende 2014 kam es zu einer erneuten runde der schmälerung meines besitzes. ein grossteil der dinge, die ich auch nach meinem umzug nicht losgeworden bin, habe ich zwischen oktober und dezember 2014 eliminiert. rund 20 shirts und 4 paar bettwäsche sind zur kleiderspende gewandert, 4 paar schuhe, jeans, mein ausrangierter staubsauger und eine unmenge von büchern bin ich über ebay losgeworden. restliche bettwäsche, handtücher, shirts und hemden die nicht mal mehr zum spenden getaugt haben, sind dann im müll gelandet. das fazit sind 1,5 leere kleiderschränke.
eine grossartige sache war auch das komplette loswerden aller meiner taschen, die ich durch meinen jack wolfskin-rucksack ersetzt habe.
am ende des jahres 2014 nahm alles langsam form an. ich bin mittlwerweile in der lage meine besitztümer aufzuzählen, ohne grossartig etwas zu vergessen.

2015 - antworten auf die frage "mit wieviel komme ich eigentlich aus"?

hier ist der aktuelle stand der dinge die bei mir im täglichen gebrauch, bzw. in regelmässiger rotation sind und so gut wie alle ausserhäuslichen gebrauchsgegenstände die ich vorher besass, ersetzen. meine bekleidung habe ich zum grössten teil auf merino umgestellt und lebe mittlerweile mit einer sagenhaften anzahl von genau 2 shirts. von meinen klamotten habe ich unlängst ein foto auf instagram gepostet.

desweiteren besitze ich dinge für den inhouse-gebrauch. möbel, bett, lampen, geschirr, zahnbürste und seife zähle aus offensichtlichen gründen nicht mit auf.

2017 - elf jahre später

mein merino-shirt von icebreaker habe ich mittlerweile zum dritten mal erneuert, da die shirts nach einem jahr immer mal wieder kleine löcher haben. das erste shirt habe ich sehr oft geflickt, irgendwann wurde es auffällig und nach einer party unreparierbar, so daß ich 2016 ein zweites shirt kaufen musste. trotzdem habe ich es bis heute nicht bereut. während ich früher hunderte an shirts (mit und ohne aufdruck) besass, ist seit 3 jahren immer genau ein shirt in der rotation. das gute ist nach wie vor: icebreaker-shirts stinken auf nach einer woche des tragens einfach mal nicht und trocknen superschnell.
das gleiche gilt für meine merino-shorts von dilling. allerdings muss ich hier alle 8-9 monate erneuern, da die dinger am bund zu schnell löcher bekommen. trotzdem bin ich auch nach 3 jahren merino-dauergebrauch überzeugt: klassische baumwolle kommt mir nicht mehr ins haus.